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Mentalitäten

Von liebenswerten Macken und nervigen Marotten

Drei junge Menschen im Gespräch

Auswandern bedeutet mehr, als nur ein Haus zu kaufen, sich einen Job zu besorgen und eine Sprache zu lernen. Wer dauerhaft glücklich werden und Freunde finden will, muss sich in eine neue Gesellschaft mit ihren Ecken und Kanten einfinden. Von einer Herausforderung, der sich jeder Einwanderer stellen muss – die aber manchen leichter fällt als anderen.

Teil 1: Typisch deutsch trifft auf typisch schwedisch

Wenn man als Deutscher in Schweden lebt, kommt man unweigerlich mit anderen Deutschen in Kontakt. Man trifft sich im Supermarkt, im Sprachkurs, am See - und tut sich zusammen. Manchmal lernt man sich auch in den sozialen Netzwerken kennen und tauscht sich aus. Jeder ist dankbar, zwischen all den neuen Lauten, Worten und Dialekten mal wieder die Muttersprache zu hören. Sich zu unterhalten. Eine Frage stellen zu können. Und auf Menschen zu treffen, die ähnlich ticken.

Es hat etwas erfrischendes, unter Deutschen zu sein. Man erfährt ihre Auswanderergeschichten, wie sie die Herausforderungen des Alltags meistern und sich im neuen Land einleben. Außerdem bin ich lockerer, entspannter. Ich weiß in dem Moment, was mich erwartet, was als höflich gilt und muss mich nicht permanent hinterfragen: Habe ich mich gerade richtig verhalten? Nicht zu schnell geantwortet und anderen damit ins Wort gefallen? Nicht zu gierig beim Kuchen zugegriffen? Den schwedischen Individualabstand respektiert? Ein höfliches Nein überhört? Außerdem kann ich mich in meiner Muttersprache noch immer deutlich präziser und vorsichtiger ausdrücken. Die räumliche Nähe zwischen Deutschland und Schweden kaschiert nämlich, dass sich in beiden Ländern einiges stark unterscheidet. Es gelten andere Regeln und Umgangsformen. Als Einwanderer muss man sich auf die schwedische Art einstellen, während man die der eigenen Landsleute von klein auf verinnerlicht hat. Vielleicht, weil man typische Eigenschaften, die uns nachgesagt werden, zumindest ein Stückchen weit selbst in sich trägt: laut, direkt und rüpelig zu sein. Aber wir sind auch pünktlich, zuverlässig und pflichtbewusst. Manche Eigenschaften sind offenbar so charakteristisch für uns, dass sie es bis in den internationalen Sprachraum geschafft haben: german angst und german efficiency zum Beispiel.

Natürlich sind solche Verallgemeinerungen und Schubladen immer gefährlich. Auf jeden, auf den sie zutreffen, gibt es mindestens einen, der überhaupt nicht hineinpasst. Trotzdem arbeitet das menschliche Gehirn gerne mit solchen Stereotypen. Und tatsächlich gibt es bestimmte Charakterzüge und Gepflogenheiten, die das Gesamtbild einer Nation international prägen. Ich habe mich von der deutschen Art oft überrollt gefühlt, wenn Wildfremde ungefragt meine Hosenlänge kommentiert haben. Da ist mir die zurückhaltende Art der Schweden lieber. Delia Kübeck schreibt in ihrem Auswanderer-Ratgeber „Alltag in Schweden“: „Schweden sind immer freundlich, zurückhaltend, hilfsbereit, bescheiden und niemals aufdringlich. Aggressives Verhalten kommt nicht vor, Kritik ist unbekannt, böse oder gar lautstarke Worte sind niemals zu hören. Das Leben fließt dabei ruhig und gemächlich, Stress scheint ein Fremdwort, Streit und Kampf unbekannte Phänomene. Welch Labsal, verglichen mit dem aufreibenden Leben in Kontinentaleuropa, wo Auseinandersetzungen, Stress und der Zwang zur ständigen Selbstbehauptung zum Alltag gehören.“ Die Beschreibung finde ich unglaublich passend, deshalb zitiere ich sie so gern.

Nächstes Mal:
Teil 2: Schweden lockt mit Ruhe und Entschleunigung

 

Über die Autorin: Inka R. Stonjek

Inka ist 2015 mit ihrem Mann nach Schweden ausgewandert. Den Job hat die Journalistin mitgenommen: Schreiben lässt sich von überall. Meistens geht es um Ernährung, oft um Gesundheit, zunehmend um Schweden.

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