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Mentalitäten

Von liebenswerten Macken und nervigen Marotten

Teil 3: Wenn die Begeisterung ins Kippen gerät

Nettes Gespräch an der Supermarkt Kasse zwischen Kunden und Kassiererin

Während die allgegenwärtige Entschleunigung im Beruf positiven Anklang findet, habe ich das Gefühl, dass sie in anderen Lebensbereichen ziemlich zu nerven scheint. Denn es gibt auch Situationen, in denen die Deutschen üblicherweise Effizienz erwarten – nämlich dann, wenn das Geld in anderer Richtung fließt. Dann sehen es viele nicht gerne, dass der Handwerker morgens die Arbeit unterbricht, um in der Küche des Auftraggebers gemütlich zu frühstücken – obwohl man so lange auf einen Termin gewartet hat. Dass sich die Verkäuferin noch zu Ende unterhält, bis sie sich dem nächsten Kunden an der Kasse widmet – obwohl man es eilig hat und nur schnell seine zwei Brötchen bezahlen möchte. Dass man in der Apotheke einen Zettel ziehen muss – obwohl niemand vor einem ist. Dass Arzttermine telefonisch vereinbart werden – obwohl einen der Fußweg gerade so günstig an der Praxis vorbeigeführt hat und man das doch schnell persönlich klären könnte. Und wie muss es erst für deutsche Privatpatienten sein, wenn sie statt gewohnter Vorzugsbehandlung plötzlich einer unter vielen sind? In Schweden wird niemand kurzfristig dazwischen geschoben, nur weil es im großen Zeh so unangenehm gekribbelt hat. Und plötzlich ist das Gesundheitssystem eine Katastrophe, die Handwerker sind unzuverlässig und über „die Schweden allgemein“ wird die Nase gerümpft.

Was tun? Viele Deutsche reagieren dann mit Druck. Sie fahren die Ellenbogen aus, die zuhause so oft zum Erfolg geführt haben. In Deutschland ist Durchsetzen ein Volkssport. Wir müssen uns behaupten lernen und bekommen von unseren Arbeitgebern Kommunikationstrainings und Präsenzschulungen bezahlt. Der deutsche Urlauber mit dem rosafarbenen Lacoste-Poloshirt, dem ich im Sommer im ICA begegnet bin, war ein besonders aufmerksamer Teilnehmer. Blickkontakt haltend hat er sich beinahe unmerklich zu seiner vollen Größe aufgebaut und seinen Schritt beschleunigt, um die Engstelle zwischen den Regalen vor mir passieren zu können. Ein Machtkampf. Mir den Vortritt zu lassen, hätte ihn wahrscheinlich die ganze Nacht nicht schlafen lassen.

Dieser Mann hat Schweden nicht verstanden. Ich habe mich für ihn geschämt. Vielleicht bringt ein solches Verhalten einen kurzfristig auch in Schweden weiter. Es ist aber kein Grund, stolz zu sein. Die Schlacht ist geschlagen, allerdings kein Krieg gewonnen. Vielleicht ist der Handwerker erfolgreich aus der Küche vertrieben, doch beim nächsten Mal kommt er bestimmt nicht lieber wieder. Die Schweden sind viel zu höflich, um es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Sie tun ihrem Unmut nicht lautstark kund. Aber halten beim nächsten Mal Abstand. Und erzählen vielleicht anderen davon.

Nächstes Mal:
Teil 4: Wie die Integration gelingen kann

Über die Autorin: Inka R. Stonjek

Inka ist 2015 mit ihrem Mann nach Schweden ausgewandert. Den Job hat die Journalistin mitgenommen: Schreiben lässt sich von überall. Meistens geht es um Ernährung, oft um Gesundheit, zunehmend um Schweden.

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